Der Nachbar

Als ich in meine neue Wohnung zog, erwartete mich während des Umzugs nach der Rückkehr von einer kurzen Besorgung eine Horde feixender Umzugshelfer-Freunde in meiner neuen Behausung. „Dein Nachbar war eben hier“, teilte mir die Horde mit unverhohlener Schadenfreude mit. „Er war hocherfreut, als er hörte, dass hier eine junge Dame einzieht! Viel Spaß!“ Mir schwante Unheil.

Wie sich herausstellte, war Nachbar Jäger Anfang 70, trug knapp schulterlanges, graues Haar, überraschend lange Fingernägel sowie einen Jogginganzug und verfügte über einen neugierig-lauernden Blick, mit dem er mich – getarnt mit einem Lächeln – ständig fixierte. Die Länge von Haar und Fingernägeln lag darin begründet, dass Herr Jäger seine Wohnung wegen diverser körperlicher Gebrechen, deren Art er nebulös mit „nervenbedingt“ umschrieb, seit einem Jahr nicht mehr verlassen hatte. All das erfuhr ich bereits am nächsten Tag, als mein neuer Nachbar mal kurz vorbeischaute, um meine sich gerade im Aufbau befindende Küche zu inspizieren – und nebenbei natürlich auch mich. Bereits bei diesem ersten Aufeinandertreffen zeigte sich, dass Herr Jäger ein führender Vertreter des als „Unterhaltung“ getarnten Endlosmonologs war. Da er in der Einsamkeit seiner Wohnung eher selten diesem Hobby frönen konnte, nutzte er jede sich bietende Gelegenheit dazu – also jedes Mal, wenn er meiner habhaft werden konnte.

Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit schlurfte Herr Jäger also in meine Wohnung, als dort gerade meine neue Küche aufgebaut wurde, stellte sich kurz vor und erklärte mir dann, er würde sich gerne mal meine Küche ansehen – schließlich sei er vor seinem Ruhestand ja als Architekt tätig gewesen.

„Wenn Sie möchten“, sagte ich leicht irritiert, „ich kann Ihnen gerne Bescheid sagen, wenn die Küche fertig aufgebaut ist.“

„Neinnein“, erwiderte mein Nachbar, „wenn die Küche fertig aufgebaut ist, interessiert sie mich nicht mehr – ich möchte Sie gerne jetzt sehen!“

???

„Bitte sehr“, sagte ich, „wenn Sie dann bitte hier hereinschauen wollen…“

Herr Jäger verschwand in der Küche und stand bereits drei Sekunden später wieder vor mir. „Also, eines muss ich Ihnen sagen, Frau Mohr – mit diesem Spülbecken haben Sie sich keinen Gefallen getan!“

„Wie meinen Sie?!?“, fragte ich höflich.

„Man merkt, dass Sie nicht kochen können!“, fuhr Herr Jäger in seiner psychologischen Analyse meiner Küche und seiner Demontage eines herzlichen Nachbarschaftsverhältnisses fort. Unerhört, dachte ich, er hat zwar recht – aber woher will er das wissen?! Von seinem folgenden ersten Endlosmonolog bekam ich inhaltlich wenig mit, weil ich vollkommen davon absorbiert war, darüber nachzudenken, was es mit meinem Spülbecken auf sich haben könnte und woran er erkannt hatte, dass ich nicht kochen konnte.

Dieses sympathische Einführungsgespräch bot mir nur einen kleinen Vorgeschmack auf das, was mich in den folgenden Monaten und Jahren erwartete. Herr Jäger fing mich regelmäßig ab, um mit mir zu „plaudern“ – meistens wenn ich gerade meine seiner Wohnung gegenüberliegende Tür aufschloss. Darauf folgte dann immer ein „Gespräch“, dessen Mindestdauer nicht unter 30 Minuten lag und das – immer wieder unterbrochen von einem ebenso verzweifelten wie erfolglosen „Also, ich muss dann aber jetzt wirklich mal gehen…“ aus meinem Mund – beim ersten Mal noch bei beiderseits geöffneten Wohnungstüren geführt wurde. Diesen schweren Fehler beging ich später nicht mehr, da Herr Jäger Kettenraucher war und der stetig unter seiner üblicherweise geschlossenen Wohnungstür hervorquellende Zigarettenrauch die günstige Gelegenheit nutzte, ungehindert in meine Wohnung vorzudringen und sich dort in einer neuen Umgebung breit zu machen. Als ich das „Gespräch“ schließlich mit Verweis auf eine im Sterben liegende siebenköpfige Familie, um die ich mich dringend kümmern müsse, endlich beenden konnte und erschöpft und mit blutenden Ohren in meiner Wohnung zusammenbrach, bemerkte ich verbittert, dass ich in selbiger kaum noch etwas sehen konnte. Offenbar hatte ein plötzlich entstandenes Vakuum sämtlichen Rauch aus Herrn Jägers Wohnung in meine Wohnung und insbesondere mein Schlafzimmer gesogen, so dass ich bei Minustemperaturen die ganze Nacht lüften musste, um wieder einatmen zu können, ohne befürchten zu müssen, mir in kürzester Zeit eine veritable Raucherlunge anzuzüchten.

Mit der Zeit begann Herr Jäger, bei seiner Einweg-Konversation immer wieder ein bestimmtes Thema aufzugreifen und zu variieren, das ihn offenbar sehr beschäftigte: Mein äußeres Erscheinungsbild.

„Aaaaaahhh, Sie sehen ja heute wieder so gut aus“, sagte er beispielsweise, mich langsam mit seinem neugierig-lauernden Blick von oben bis unten und wieder zurück musternd. „Schlank und rank wie eine Lilie! Wie machen Sie das bloß?“

Ich schüttelte mich diskret. Eigentlich hatte ich ihn ja nur gefragt, ob er ein Paket annehmen könne – schließlich war er der Einzige, der den ganzen Tag zu Hause war.

„Ich mache gar nichts, Herr Jäger, im Gegenteil: Ich esse, bis ich platze. Aber ich nehme nicht zu. Das ist merkwürdig, aber es ist so, und ich liebe es nicht, ständig darauf angesprochen zu werden! Das habe ich Ihnen aber auch schon mehrfach gesagt!“

Herr Jäger ließ sich von meinem kleinen Einwand nicht im geringsten stören (falls sein auf Einweg-Konversation gepoltes Gehirn diesen überhaupt bemerkt hatte), sondern plauderte – seine graue Jogginghose dabei bis knapp unter die Achselhöhlen hochziehend – munter weiter:

„Und Ihre Ohrringe und die Halskette passen ja wieder perfekt zur Farbe ihres Oberteils!“

(Hmpf. Er meint es ja nur gut. Und er ist immerhin nicht der einzige Mann, der dem Irrglauben erliegt, dass sich junge Frauen durch derartige „Komplimente“ von aufdringlichen älteren Herren geschmeichelt fühlen. Hmpf.)

„Letzten Samstag habe ich Sie ja von meinem Wohnzimmerfenster aus unten auf dem Schillerplatz gesehen …“

(Oh Gott, ich habe den Schatten an seinem Fenster doch richtig gedeutet – er beobachtet mich auf Schritt und Tritt!)

„…da hatten Sie einen Rock an, der hat mir sehr, sehr gut gefallen. War das ein Brokatstoff?“

„Nein.“

„Aber eines muss ich Ihnen doch sagen, Frau Mohr, das kann ich Ihnen jetzt wirklich nicht ersparen – nein, ich darf es Ihnen nicht verschweigen!“

(??? Was kommt jetzt???)

„Ihre Strumpfhose – die hat mir gar nicht gefallen. Die war viel zu hell und hat überhaupt nicht zum Rock gepasst!“

(Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…)

„Aber Sie hatten eine sehr interessante Frisur, muss ich wirklich sagen, irgendwie so ähnlich wie ein Vogelnest, nicht wahr? Wie macht man so was?“

„Herr Jäger…“

„Und was war das, was Sie auf dem Rücken getragen haben, das sah ja aus wie ein Sarg?!?“

„Nein, das war mein Cello. ABER – um jetzt mal auf den Anfang unseres ‚Gesprächs’ zurückzukommen, mit dem Paket ist es also folgendermaßen…“

„Eine Frage hab’ ich noch: Sind Sie eigentlich unbemannt?“

„HERR J-Ä-G-E-E-E-E-E-E-R!!!!!!!!!!!!!“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine weitere unangenehme, zum Glück aber nur vorübergehend auftretende Verhaltensweise Herrn Jägers führte dazu, dass unsere „Kommunikation“ gelegentlich über einen neuen Weg stattfand, und zwar den des Telefons, obwohl wir ja Wand an Wand wohnten.  Es begann damit, dass ich Herrn Jäger eines schönen Tages plötzlich in seiner Wohnung laute Schreie ausstoßen hörte. Er hatte mir schon bei unserem ersten Wohnungstür„gespräch“ demonstriert, was – aufgrund seines Nervenleidens – passierte, wenn er versuchte, seinen Arm zu heben: „AAAHHHH!!!!“. Ein kurzer, laut gellender Schrei entfloh dem Gehege seiner Zähne. Einen solchen Schrei hörte ich nun – von der zwischen uns liegenden Wand nur unzureichend gedämpft – aus seiner Wohnung. Leider nicht nur einmal. Auch nicht zwei- oder dreimal. Nein, es war eine etwa zehnteilige Serie von Schreien. Und dabei blieb es nicht: In den folgenden Tagen hub Herr Jäger in immer kürzeren Abständen zu immer länger währenden regelrechten Schreikonzerten an, die sich kaskadenartig steigerten, an- und abschwollen, in einem besonders lauten Schrei gipfelten und dann verebbten – bevor es kurz danach von neuem losging.

Das machte mich stutzig. Vor allem das An- und Abschwellen. Was treibt er da in seiner Wohnung, fragte ich mich. Hebt er ständig den Arm – falls ja: warum nur? – oder hat er etwa exzessiven „Damenbesuch“ – gegen eine anständige Bezahlung ist ja schließlich alles möglich. Diese zweite Möglichkeit als Ursache der an- und abschwellenden Schreianfälle hinderte mich daran, bei ihm zu klingeln und nachzufragen, ob alles in Ordnung sei, denn beim Gedanken, was ich dabei eventuell erblicken könnte, erschauderte ich. Andererseits wollte ich auch nicht untätig bleiben – schließlich war das genau eine dieser Situationen, in denen in Filmen beim Abtransport der Leiche immer die Polizisten mit ernster Miene einander fragen: „Ja, haben denn die Nachbarn nichts mitbekommen?!“ Ich sah mich schon in einer Nachmittags-Boulevard-Sendung auf einem Krawall-Sender betroffen in ein mir grimmig entgegen gerecktes Mikrofon sagen: „Ja, sicher, ich habe ihn regelmäßig schreien gehört – aber ich habe mir einfach nichts dabei gedacht!“

Scharfes Nachdenken zeigte mir schließlich die Lösung des Problems auf: ein Anruf! Herr Jäger hatte mir schon frühzeitig seine Telefonnummer aufgedrängt, falls mal was sein sollte. Und jetzt war eindeutig was. Nach Verebben der letzten Schreikaskade griff ich zum Hörer und wählte Herrn Jägers Nummer. Ich war schon fast erstaunt, dass er sich ganz normal meldete und nicht „AAAHHHH!!!!“ in den Hörer schrie – oder besser gesagt: „AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!!“ „AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!! AAAHHHH!!!!“ (Crescendo – Klimax – Decrescendo).

„Ah (nur ein kurzes „Ah“ in normaler Zimmerlautstärke!), Sie sind’s Frau Mohr!“

„Ganz richtig, Herr Jäger. Warum ich anrufe: Ich höre Sie seit einiger Zeit ständig  laut schreien – ist bei Ihnen denn alles in Ordnung?“

– Kurzes Schweigen –

„Ah, das hab’ ich mir schon gedacht, dass Sie das hören. Wissen Sie, Frau Mohr, es ist ja so – ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber wegen meines Nervenleidens kann ich ja leider nicht meinen Arm heben, ohne dass mich grässliche Schmerzen durchzucken – daher kommen die Schreie! Das passiert ganz automatisch, ich kann gar nichts dagegen machen – die Schmerzen, Sie verstehen?!“

Die Frage, die ich daraufhin nicht stellte, lautete: „UND WARUM HEBEN SIE 5.000 MAL AM TAG DEN ARM????????“ Denn es war völlig klar: Es handelte sich um ein Aufmerksamkeitsschreien. Immerhin endete mit diesem Anruf die Schreiserie. Dafür begann die Anrufserie – denn Herr Jäger fand Gefallen daran, einfach mal kurz bei mir anzuklingeln und sich quasi Wand an Wand mit mir zu „unterhalten“. Die Anrufe hatten aber den unschlagbaren Vorteil, dass ich die „Gespräche“ leichter beenden konnte – einmal kurz auf der Tastatur rumtippen, was bei Herrn Jäger Geräusche in der Leitung verursachte und das „Gespräch“ immer wieder unterbrach, dabei mehrmals laut „Hallo? Hallo!? Ich kann Sie nicht mehr hören?!? Hallo! Komisch…“ rufen – und schon konnte ich auflegen. Falls es direkt danach wieder klingelte – natürlich Herr Jäger, der das unterbrochene „Gespräch“ fortsetzen wollte –, ging ich nicht ran – schließlich war ja mein Anschluss wegen einer plötzlich aufgetretenen Störung nicht erreichbar. Zufälligerweise war eine solche Störung auch immer mit einem Ausfall meiner Türklingel gekoppelt. Sachen gibt’s!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAManchmal schaffte es Herr Jäger allerdings auch, mich in seine Wohnung zu locken, indem er mich auf dem Wege der Telekommunikation bat, doch mal kurz rüberzukommen – er müsse mir dringend etwas zeigen. Da ich aus Erfahrung wusste, dass Widerstand zwecklos war, und ich auch nicht ständig Störungen vortäuschen konnte, mir aber auch nicht immer plausible Ausreden einfielen, die Herr Jäger akzeptierte, begab ich mich also ab und zu innerlich seufzend und bisweilen auch fluchend in die Räucherkammer nebenan, wobei ich jedes Mal auf die Liste der Wünsche für Geburtstagsgeschenke eine Sauerstoffmaske setzte. Ähnlich einer Fledermaus, die sich mittels Ultraschall in der Dunkelheit orientiert, folgte ich Herrn Jägers munterem Geplauder, um ihn in seiner verrauchten Wohnung zu orten. Eines Tages wurde ich bei einem solchen Zwangsbesuch nach der Ortung von Herrn Jägers Aufenthaltsort darüber informiert, dass dieser gerade eine Art Wohnungsauflösung plante. Der Grund dafür erschloss sich mir zwar trotz einer äußerst ausführlichen Erläuterung meines Nachbarn leider nicht (und eine solche Wohnungsauflösung fand auch zu seinen Lebzeiten nicht statt), allerdings hatte Herr Jäger mir diverse Einrichtungsgegenstände zugedacht, deren Umrisse sich nach und nach in den Schlieren des sich nur sehr langsam verziehenden Rauchs abzuzeichnen begannen. Die meisten seiner Präsente konnte ich dankend abwehren, irgendwo musste ich allerdings zugreifen, um Herrn Jäger nicht zu nachhaltig zu beleidigen, und so entschied ich mich für den am wenigsten hässlichen Blumentopf. Allerdings war dieser recht große Topf gefüllt mit einer Art Katzenstreu, was offenbar ein Fragezeichen in mein Gesicht malte, denn Herr Jäger setzte nun zu einer sehr langatmigen Abhandlung über die Vorzüge einer speziellen Hydrokultur an. Während seiner ausschweifenden Ausführungen entdeckte ich in den Lichtungen der Rauchschwaden mehrere andere mit Katzenstreu gefüllte Blumentöpfe, in denen traurig vor sich hinkümmernde Pflanzen dahinvegetierten, von denen keine einzige grün war, sondern alle ohne Ausnahme braun und vertrocknet.

Herrn Jägers Vortrag schloss mit einem weiteren wortreichen Lob seines Hydrokultursystems, das er mir wärmstens anempfahl: „Frau Mohr, ich habe doch bei Ihnen gesehen, dass es Ihren Pflanzen in der Erde nicht gut geht – Sie sollten sich das wirklich mal überlegen!“

„Naja“, sagte ich und starrte demonstrativ auf das braune Gestrüpp um mich herum, „MEINE Pflanzen sind immerhin GRÜN!“

Herr Jäger überhörte diesen Einwand geflissentlich und packte mir als Gimmick noch einen Loseblattsammlungsordner aus den 70er Jahren mit dem Titel „Zimmerpflanzen von A-Z“ drauf, der mich in die Geheimnisse der richtigen Pflege des Usambara-Veilchens und seiner Anverwandten einweihen sollte. Als ich gerade schwer bepackt zur Wohnungstür wanken wollte, rief mich Herr Jäger in seine Küche – er müsse mir da noch was zeigen.

„HERR JÄGER, ich muss jetzt aber wirklich ganz dringend zurück – ich hatte Ihnen doch gesagt, dass ich nur fünf Minuten…“

„Jaja, schon gut, aber das müssen Sie gesehen haben!“

Da die Küche nicht ganz so stark von Rauchschwaden durchzogen war, konnte ich relativ rasch erkennen, was ich da so dringend sehen sollte: Es handelte sich um eine 20-teilige Sammlung von Gewürzmühlen, die Herr Jäger, wie er mir stolz berichtete, bei einem Verkaufsfernsehsender erstanden und nun auf seinem Küchentisch in einem gefälligen Arrangement für mich drapiert hatte. Während ich schwankend und schwer atmend mit meinem Zentnerblumentopf und dem schweren Ordner beladen in der Küche stand, fing Herr Jäger inmitten seiner Rauchschwaden umgehend an, den Vortrag aus dem Verkaufsfernsehen zu wiederholen, auf den er selbst hereingefallen war.

Ich versuchte mühsam und nach Luft schnappend immer wieder, ihn zu unterbrechen.

„Herr Jäger, ich…“

„…und schauen Sie mal hier, hier haben wir noch 50 verschiedene Pulver für Salatsoßen, die können Sie auch in die Gewürzmühlen füllen!“

„Aber das ergibt keinen Sinn, Herr Jäger, und im übrigen muss ich…“

„Ganz erstaunlich, und schauen Sie mal hier – die 20 Gewürzmühlen sehen auf den ersten Blick alle identisch aus, haben aber tatsächlich am Deckel Umrandungen in unterschiedlicher Farbe!“

„Ja, wirklich ganz bezaubernd, aber ich…“

„Möchten Sie denn auch eine Gewürzmühle haben? Also eigentlich können Sie auch alle haben, denn wenn ich es mir recht überlege, brauche ich die ja gar nicht!“

„HERR J-Ä-G-E-E-E-E-E-E-R!!!!!!!!!!!!!“

Als ich es endlich geschafft hatte, meinem Nachbarn zu entkommen (musste ich denn immer erst laut werden?!?),  sank ich erschöpft und mit dröhnenden Ohren auf mein Sofa, an dessen Kopfende ich den Blumentopf abstellte. Tief sog ich die reine, von Zigarettenrauch vollkommen freie und von meinen zahlreichen GRÜNpflanzen bestens gereinigte Luft bis in die Spitzen meiner Lungen ein – allerdings hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass sie doch nicht ganz frei war von Qualm. Ich schnupperte und schnüffelte und dachte zuerst, dass meine Kleider noch Rauch abdampften – aber leider änderte sich überhaupt nichts am nicht zu leugnenden Sachverhalt, dass es in meinem Wohnzimmer aufdringlich nach altem, erkaltetem und abgestandenem Zigarettenrauch roch. Auch noch nach Stunden. Und leider auch noch nach Tagen. Erst eine penible Untersuchung mittels einer Schnüffelspur brachte mich schließlich zur Quelle des Übels: Herrn Jägers Blumentopf – genauer gesagt: die darin vor sich hin gammelnde Katzenstreu. Denn die Hydrokultursteinchen speicherten natürlich nicht nur das (nicht vorhandene) Wasser für die (nicht vorhandenen) Pflanzen, sondern im trockenen Zustand leider auch Herrn Jägers Qualmvorrat der vergangenen 20 bis 37 Jahre. Nachdem die Steinchen in der Wohnung meines red- und rauchseligen Nachbarn vollkommen von Rauch gesättigt gewesen waren, konnten sie nun in meiner Wohnung befreit alles ausdünsten, was sich in ihnen über die Jahrzehnte angesammelt hatte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEines Tages – lange nachdem ich die Katzenstreu entsorgt hatte – begab es sich, dass ich wegen einer Schulteroperation (genau genommen hatte ich seit Jahren meinen linken Arm nicht mehr heben können, ohne dass mich grässliche Schmerzen durchzuckten…) mehrere Wochen nicht in meiner Wohnung gewesen war – was bei Herrn Jäger natürlich einen Redestau verursacht hatte, den er so schnell wie möglich aufzulösen gedachte, und zwar mittels einer ausführlichen fernmündlichen Einweg-Konversation über körperliche Gebrechen. Schon kurz nach meiner Rückkehr klingelte das Telefon und schnell war klar, wer sich am anderen Ende der Leitung befand: Denn das Telefon“gespräch“ begann wie immer anstelle der Nennung eines Namens mit einer kurzen, lauernden Stille, gefolgt von der üblichen Floskel, die Herr Jäger nie variierte:

„Guuuuuuten Tach, Frau Mooohr! Wissen Sie, wer dran ist?“

„Ja, ich weiß, dass Sie es sind, Herr Jäger.“

Herr Jäger erkundigte sich anteilnehmend nach meinem Gesundheitszustand, bot seine Hilfe bei den Dingen des Alltags an und kam dann recht zügig auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Sich selbst und sein Leben und Leiden. Nachdem er mich zunächst kurz darüber informiert hatte, dass auch er ja – „ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe“ ­– wegen eines Nervenleidens leider nicht seinen Arm heben könne, ohne dass ihn grässliche Schmerzen durchzuckten („AAAHHHH!!!!“), schlug er ein weiteres Kapitel seiner Krankenakte auf, das ich noch nicht kannte – von dem ich mir danach aber auch wünschte, dass ich es nie kennengelernt hätte:

„Ich hatte ja auch mal eine Anaaaaaaaaalfistel – wissen Sie, was das ist?“

(Kurzzeitige erschütterte Sprachlosigkeit, dann: Entschluss, zu testen, wie lange Herr Jäger durchhält, wenn von der anderen Seite der Leitung nicht mehr die für die Aufrechterhaltung eines gleichberechtigt geführten Telefongesprächs dringend benötigten Rückmeldungen in Form von „aha“, „soso“, „ach was“ oder auch „na, das ist ja ein Ding“ kommen. Ob er das überhaupt merken würde?)

„Also, alles fing mit diesen feuchten Flecken in meiner Unterhose an…“

 (Abruptes Wegreißen des Hörers vom Ohr und ebenso entsetztes wie empörtes Starren darauf – kann das  wirklich wahr sein?! Will man sich so etwas von älteren Herren anhören?! Nein, will man definitiv nicht!! Nach Schocksekunde vorsichtiges und fasziniert-angeekeltes Wiederheranführen des Hörers ans Ohr.)

„…Und dann ging ich also zu einem Bekannten, der Urologe ist. Und der sagte zu mir: ‚Zieh bitte deine Schuhe aus!’ Und jetzt fragen Sie sich sicher, Frau Mohr, warum ich meine Schuhe ausziehen sollte!“      

(- S p a n n u n g s p a u s e -)

 (Nein, das frage ich mich sicher nicht, um offen zu sprechen! Aber ich spreche ja nicht. Die fehlende Rückmeldung fällt Herrn Jäger aber auch trotz der Spannungspause nicht auf.)

„Tja, denn das war so: Für die Untersuchung musste man sich auf ein kleines Bänkchen knien, und da mein Bekannter ja von hinten untersuchte, kam sein weißer Arztkittel in Berührung mit den Schuhsohlen der Untersuchten, die vor ihm knieten – und deswegen hat er immer alle gebeten, ihre Schuhe auszuziehen, damit er nicht täglich dutzende Schuhabdrücke auf seinem dann nicht mehr ganz so weißen Kittel hat. Das hätten sie nicht gedacht, Frau Mohr, was?!“

(Nein, hätte ich nicht – weil ich gar nicht darüber nachdenken will. Aber das interessiert hier ja keinen.)

„Und dann schickte mich mein Bekannter also ins Krankenhaus wegen meiner Anaaaaaalfistel.  Und so kam ich in die Klinik zu diesem Professor, der hieß…, der hieß…, wie hieß der doch gleich?? Naja, jedenfalls hatte er ein sehr gut aussehendes, aaaaber auch lustiges Gesicht… blablabla… und dann war ja auch noch zu dieser Zeit die Fußball-WM in… Mexiko? Argentinien? Oder wo war sie??? Warten Sie mal… Ach, das wollen Sie vielleicht ja auch gar nicht wissen. (Woher diese plötzliche Einsicht??) Naja, jedenfalls waren dann da lauter Männer, die Fußball schauen wollten, aber wegen ihrer Hämorrhoiden und Analfisteln gar nicht vor dem Fernseher sitzen konnten – aber stehen wollten wir natürlich auch nicht die ganze Zeit, stellen Sie sich das mal vor: Verlängerung, Elfmeterschießen… Also bekamen wir alle Gummiringe zum Draufsitzen… Jetzt rufen Sie sich das mal bildlich vor Augen: Da saßen also lauter Männer mit Hämorrhoiden und Analfisteln auf Gummiringen und schauten Fußball… blablabla…“

 (Hörer in kurzem Anfall der Erschöpfung weg vom Ohr.)

„Murmelmurmelmurmel…“

(Hörer nach einiger Zeit, in der ich wichtige Dinge wie Einkaufszettelschreiben, Zähneputzen, Testament in groben Zügen entwerfen etc. erledigt habe, wieder ans Ohr. Herr Jäger hat jetzt bereits volle 20 Minuten ohne Rückmeldung meinerseits geredet. Faszinierend. Und er ist immer noch beim selben Thema. Erschütternd.)

Sommerfrische„… und dann tauchten plötzlich all diese arabischen Scheichs auf, die auch alle Hämorrhoiden und Analfisteln hatten, aber in einem separaten Trakt untergebracht waren, der extra für sie gebaut worden war – weil sie ja Scheichs waren und nichts zu tun haben wollten mit anderen Männern mit Hämorrhoiden und Analfisteln, die keine Scheichs waren…“

(Wie ist so etwas nur möglich? Wie???)

„…Und morgens kam dann immer der Professor mit dem sehr gut aussehenden, aaaaber auch lustigen Gesicht herein und rief ‚Na, was machen denn unsere Arschlöcher?’ – Haaaaaaaaaaaaaahahahahahahahaha!! – Hallo??? Sind Sie noch dran??? Frau Moohoooohr?!?“

Nun war es soweit: Da ich bei der Pointe der kurzweiligen Geschichte nicht wie erwartet in beifälliges Gelächter ausgebrochen war, kam Herr Jäger plötzlich auf den abwegigen Gedanken, dass ich womöglich gar nicht mehr am Hörer sein könnte! Wie absurd!

Ich nutzte allerdings diese einmalige Gelegenheit, um mit einer Gesprächsbeendigungsphaseneinleitungsfloskel selbige Phase einzuleiten – wer weiß, wann er das nächste Mal Luft holen würde??

„Das ist wirklich eine höchst interessante Geschichte von wahrhaft atembeklemmender Brisanz und auch ganz außerordentlicher Unterhaltsamkeit – aber ich muss dann jetzt wirklich langsam mal los, um meine Besorgungen zu machen! Ich bin ja momentan körperlich auch etwas eingeschränkt und sitze hier noch im Schlafanzug!“  (Oh nein, das hätte ich vielleicht besser nicht gesagt – löst eventuell unnötige und für mich äußerst unangenehme Fantasien aus. Also bleibt mir nur noch eins: tipptipptipp –) „Hallo? Hallo!? Ich kann Sie nicht mehr hören?!? Hallo! Komisch…“

– Ende –

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14 Gedanken zu „Der Nachbar

  1. Bei allem Mitleid – ich hab mich hier gerade gekringelt 😀 .
    Meine Freundin hatte auch so eine Nachbar-Nemesis, die hieß Frau Schlicht und an ihr lag es, daß ich bei jedem Weibertratschbesuch nachher den Müll mit runter nehmen mußte – selber Müll runterbringen hätte 30 Minuten plus X gedauert.

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    • Ja, das Gemeine ist ja, dass die anderen Nachbarn einfach auf sein Geschwätz nicht mehr eingegangen sind und ihn ignoriert haben – mir tun solche Leute dann aber immer leid, und wenn man dann noch das Pech hat, direkt gegenüber zu wohnen und ihm nicht aus dem Weg gehen zu können, dann – ja, dann hat man eben Pech 🙂 Aber so hat man auch immer Geschichten, mit denen man andere erheitern kann – aber solange man drinstreckt, ist es doch seeeeeehr anstrengend 🙂 🙂
      Und ich habe noch ungefähr 100 ähnliche Geschichten – ich ziehe solche Leute leider an!

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