Bank-Ärger II

Als politisch korrekter Mensch beschloss ich eines Tages, ein Konto bei einer ökologisch und ethisch einwandfreien Bank zu eröffnen, damit sich mein Geld mit gutem Gewissen meinerseits vermehren konnte. Doch auch bei diesem Bankerlebnis hatten die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt. Das Problem in diesem Fall hatte einen besonders klangvollen Namen: IDENTITÄTSFESTSTELLUNG.

Denn die Bank, bei der ich mein Geld anlegen wollte, gibt es nur in einer Stadt – es gab also keine Filiale, zu der ich gehen und mittels Vorlage meines Ausweises nachweisen konnte, dass ich tatsächlich ICH und somit berechtigt war, ein Konto auf meinen Namen zu eröffnen. Stattdessen musste ich als Neukunde ein Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG ausfüllen und eine identitätsfeststellende Person unter Vorlage meines Ausweises bestätigen lassen, dass die auf dem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG geführte Person identisch war mit dem Ausweisinhaber. Dann konnte ich als die auf dem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG  in ihrer Identität bestätigte Person per Brief ein Konto eröffnen.

Es gab nun zwei Möglichkeiten, meine Identität von einer identitätsfeststellenden Person festellen zu lassen:

1.) Ich gehe zu einer Behörde/Bank/Pfarramt/Schule/Universität, um mir dort auf dem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG bestätigen zu lassen, dass ich ich bin.

2.) Ich lasse mir von der Bank per Einschreiben ein Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG schicken und vom Briefträger bestätigen, dass ich ich bin.

Da die zweite Variante die Bank Geld kostete, das wegen der Umwelt nicht unnötig verschwendet werden sollte – womit ich als politisch korrekter Mensch natürlich einverstanden war – wurde ich gebeten, die erste Variante zu wählen. Dafür würde dann in meinem Namen ein Baum gepflanzt und somit mein ökologisch korrektes Verhalten geradezu ins Unermessliche gesteigert.

Damit stellte sich mir folgendes Problem, das ich allerdings zunächst gar nicht als raumgreifendes Problem erkannte: Wo sollte ich meine Identität feststellen lassen? Mein erster Gedanke war meine Hausbank – doch bei der Vorstellung, dass ich mir bei meiner Bank meine Identität bestätigen ließ, um dann bei einer anderen Bank ein Konto zu eröffnen, rollten sich mir vor Scham die Fußnägel auf (es war lange vor der Bankenkrise).

Nunja, kein Problem, so dachte ich – dann gehe ich doch einfach auf die nächstbeste Behörde, also zum Bürgeramt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht bemerkt, dass zehn Minuten Fußweg von mir entfernt die große, zentrale Stadtverwaltung mit arbeitnehmerfreundlichen Öffnungszeiten lag – ich wohnte schließlich erst zwei Jahre in der neuen Stadt. Stattdessen wanderten zunächst meine Gedanken und dann mein Fahrrad zum Bürgeramt meines Stadtteils, bei dem ich mich nach meinem Umzug angemeldet hatte, das allerdings wegen seiner geringen Größe über weniger arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten verfügte.

An meinem nächsten freien Tag stand ich also mit meinem Fahrrad und meinem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG kurz nach 11 Uhr (mysteriöse und extrem wirksame Kräfte der Erdanziehung hinderten mich an freien Tagen regelmäßig daran, vor 10 Uhr das Bett zu verlassen) vor dem Bürgeramt – allerdings vor einem geschlossenen Bürgeramt. Das an der Tür angebrachte Schild informierte mich darüber, dass die Öffnungszeiten zwischen 09.00 Uhr und 11.00 Uhr lagen.

Ich wartete also meinen nächsten freien Tag – einen Freitag – ab, besiegte die mysteriösen und extrem wirksamen Kräfte der Erdanziehung, schwang mich wieder auf mein Rad und kam zusammen mit meinem „Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG“ kurz nach 10.30 Uhr beim Bürgeramt an. Wieder empfing mich keine weit geöffnete Pforte, sondern eine verschlossene Tür – ein Schild informierte mich, dass freitags nur bis 10.30 Uhr geöffnet sei.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMich beschlich das dumpfe Gefühl, dass das Bürgeramt und ich keine Freunde werden würden, da man offensichtlich keinen Kontakt mit mir wünschte. Beleidigt wandte ich mich ab und dachte über eine alternative Behörde nach, die mich in meiner Identität – die mir langsam etwas zweifelhaft erschien – bestätigen könnte. Da fiel mir plötzlich ein, dass 200 Meter von meinem Haus entfernt das Landesinnenministerium lag – geradezu die Verkörperung einer Behörde zur Identitätsfeststellung! Nichts leichter als das – komm’ mit, sagte ich zu mir und meinem Formular.

Ich fand mich also kurz danach im Innenministerium wieder und fragte an der Pforte höflich an, ob es möglich sei, hier eine IDENTITÄTSFESTSTELLUNG durchführen zu lassen.

Erstauntes Schweigen an der Pforte.

„WAS wolle SIE????“, fragte mich schließlich nach einer mir endlos erscheinenden Pause der Stille der Pförtner mit staunend erhobenen Augenbrauen.

„Ähem, also ich müsste für eine Kontoeröffnung nachweisen lassen, dass ich ich bin, und das müsste mir eine Behörde auf diesem Formular bestätigen“, hustete ich und wedelte mit meinem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG.

„Ei, en klaane Moment bidde, Frolleinsche“, sagte der Pförtner nach einer weiteren erstaunten Pause. Er telefonierte, danach schickte er mich zu einer gewissen Frau Soundso, die mich wenige Meter weiter empfangen sollte. Ich ging also wenige Meter weiter zu Frau Soundso, schilderte mein Begehr, wedelte erneut mit meinem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG und erntete zunächst wieder verblüfftes Schweigen.

Und dann wieder: „WAS wolle SIE????“

„Ähem, also ich müsste für eine Kontoeröffnung nachweisen lassen, dass ich ich bin, und das müsste mir eine Behörde auf diesem Formular bestätigen.“

Schweigen.

Dann sagte Frau Soundso plötzlich: „Sinn Sie Auslännerin???“

Jetzt entstand das verblüffte Schweigen auf meiner Seite. Ich räusperte mich und antwortete: „Äh, nein – wieso????“

„Ei, wisse Se, früher mussde mir hier immer für Auslänner so Formulare ausschdelle, abber des hot irschendwann so ibbehond genumme – do habbe mir des nach Koblenz verlaachert.“

Aaah ja, dachte ich und schluckte. Wenn etwas überhand nimmt, dann verlagert man es nach Koblenz. Innovative Methode. Mich beschlich das dumpfe Gefühl, dass auch das Innenministerium und ich keine tiefer gehenden Beziehungen erreichen würden. Ich wollte mich gerade umdrehen, um das Ministerium zu verlassen und nach einer neuen Behörde zu suchen, die mir endlich ermöglich würde, das mir zunächst so harmlos erschienene Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG ausfüllen zu lassen, da hielt mich Frau Soundso zurück. „Ei, wadde Se mol, es kennd soi, dass de Herr Ixüpsilon des mache kennd.“

Ich wurde gebeten, auf einem Stuhl Platz zu nehmen – Herr Ixüpsilon würde umgehend informiert und sicher gleich kommen. Leider war Herr Ixüpsilon gerade in der Mittagspause, es wurde mir aber versichert, dass er jeden Moment aus selbiger zurück kommen müsste – „’s kann sisch nur noch um Minuuuuuuude honnele“. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, auf Herrn Ixüpsilon zu warten, aber Frau Soundso geriet in Fahrt und wollte unbedingt das Problem der IDENTITÄTSFESTSTELLUNG lösen – nur leider, leider dürfe sie so etwas nicht unterschreiben, wenn überhaupt einer, dann nur der Herr Ixüpsilon. Da sie so strebend bemüht war, mir zu helfen, traute ich mich nicht, einfach schnöde zu gehen. Und schließlich erfüllte es mich auch mit einem gewissen Stolz, dass meine Angelegenheit nicht nach Koblenz verlagert wurde.

Nach gefühlten drei Stunden wurde der heraneilende Herr Ixüpsilon von einer freudestrahlenden Frau Soundso begrüßt und zu mir geführt. Ich schilderte erneut mein Begehr, Herr Ixüpsilon warf erhobenen Hauptes einen prüfenden Blick durch seine bifokale Gleitsichtbrille auf mein Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG, runzelte mehrmals die Stirn – und teilte mir dann mit, dass er leider, leider nicht befugt sei, ein solches Formular zu unterschreiben. Auf meine Nachfrage stellte sich zu meinem großen Erstaunen heraus, dass leider, leider auch niemand sonst im gesamten Innenministerium ein solches Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG unterschreiben konnte. Warum das so war, konnte mir niemand schlüssig erklären – der Grund lag irgendwo zwischen „Das haben wir noch nie gemacht, damit können wir jetzt nicht plötzlich anfangen“ und „Da könnte ja jeder kommen“. Immerhin bekam ich aber den Rat, es doch einfach mal bei der Post zu versuchen.

Ich machte mich also auf den Weg zur nicht weit entfernten Hauptpost. Dort angekommen, wurde ich wieder von einem Schild empfangen – dieses hier informierte mich darüber, dass die Postbeschäftigten ihre gesetzlich vorgeschriebene Betriebsversammlung durchführten und daher die Post für den Rest des Tages geschlossen sei. „So“, sagte ich zu meinem Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG, das mich mitleidig anschaute, „so fühlt es sich also an, wenn man langsam wahnsinnig wird.“ Dann wankte ich nach Hause.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADort signalisierte mir mein Anrufbeantworter mittels Blinken, dass jemand angerufen hatte. Ich drückte die Abspieltaste und bekam folgendes zu hören: „Guten Tag, mein Name ist Knut, ich rufe von der Firma Alpha Action in Osnabrück an, meine Telefonnummer ist XXXXX/XXXXXX. Ich habe bei Ihnen ein Skelett gefunden und würde das gerne bestellen. Ich bitte um Ihren Rückruf. Danke! Tschüss!“ Mir gefror das Blut in den Adern – wer war Knut? Ich begann, hektische Blicke um mich zu werfen: Wo genau und warum überhaupt hatte er bei mir ein Skelett gefunden?? War ich etwa doch gar nicht ICH, sondern – ohne es zu merken – ein Skeletthandel??? Kamen daher meine ganzen Probleme mit der IDENTITÄTSFESTSTELLUNG???? Ich beschloss, Knut zurückzurufen und ihn um Rat zu fragen. Unter der Nummer, die Knut mir genannt hatte, meldete sich allerdings nicht er, sondern eine gelangweilte Frauenstimme, der ich kurz erklärte, was Knut von mir wollte, und dass ich mitnichten ein Skeletthandel sei. Die Dame notierte sich alles und erklärte, sie werde es an Knut weiterleiten. Dann legte sie grußlos auf.

An meinem nächsten freien Tag machte ich mich erneut auf zur Post. Diesmal war sie geöffnet, wie mir die lange Warteschlange vor den Schaltern verriet. Ich stellte mich am Ende der Schlange an und kam bereits nach 17,5 Stunden an einem der Schalter an. Ich murmelte etwas von Formular, Kontoeröffnung und Identitätsnachweis und war mir sicher, dass ich auch diesmal wieder auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen würde – doch da, was war das???? „Ach, Sie meinen eine IDENTITÄTSFESTSTELLUNG?“, fragte mich die Postangestellte und lächelte mich freundlich an. „JA, TATSÄCHLICH, SIE WISSEN, WAS DAS IST?????“, gab ich freudig erregt zurück und schob eilig mein Formular zur IDENTITÄTSFESTSTELLUNG über den Tresen. „Ja, natürlich“, sagte die Postangestellte.  „Das Problem ist nur, dass wir so etwas nur auf unseren eigenen Formularen ausstellen dürfen.“ „Na gut, dann tun Sie das bitte“, sagte ich zu der freundlichen Dame und lächelte zurück. „Das geht leider nicht – die Formulare sind gerade ausgegangen.“

Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, fand ich mich auf einem Paketförderband wieder. „Sie sind plötzlich in sich zusammengesackt“, sagte die freundliche Postangestellte und schaute mich besorgt an, während sie meinen Puls fühlte, „da haben wir Sie hier kurz zur Ruhe gebettet, bis es Ihnen wieder besser geht. Nur der Schaum vor Ihrem Mund macht uns etwas Sorgen – er erneuert sich ständig. Allerdings haben wir festgestellt, dass er sich hervorragend als Klebemittel für Briefmarken eignet.“ „Vielen Dank für Ihre Bemühungen“, murmelte ich, sammelte mich und verabschiedete mich eher kurzangebunden. Was sollte ich schließlich weiter auf einem Amt, das seinen von mir dringend benötigten Formularen Ausgang gewährte??

Zu Hause angekommen, griff ich zum Telefonhörer, rief die Bank an, schilderte meine Probleme mit der IDENTITÄTSFESTSTELLUNG, und fragte schließlich, was ich nun machen sollte, um zu beweisen, dass ich ICH sei, um endlich ein Konto eröffnen zu können. „Naja, dann werden wir natürlich auf das Baumpflanzen verzichten und Ihnen das Formular per Einschreiben zukommen lassen“, sagte die freundliche Bank-Angestellte. „Es ist nur sehr merkwürdig, weil ich noch nie gehört habe, dass jemand Probleme hatte, diese IDENTITÄTSFESTSTELLUNG zu bekommen. Passiert Ihnen so etwas öfter?“

„Ja“, sagte ich und legte auf.

– Ende –

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4 Gedanken zu „Bank-Ärger II

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