Ptosis

Ein Hobby, von dem ich ganz dringend abraten muss, ist das Lesen medizinischer Selbstdiagnosebücher. Diese ungewöhnliche Freizeit-beschäftigung von Profi-Hypochondern kann zwar auch heitere Stunden ermöglichen, wenn man beispielsweise zu eher weniger verbreiteten Spielarten des Humors neigt und sich somit kichernd an Diagnoseschautafeln erfreuen kann, die einen mittels Ausschlussverfahren und Pfeilen zur Ursache des eigenen Leidens führen sollen: Formulierungen wie „Bereitet Ihnen die Ablassung von Winden Schmerzen?“, „Leiden Sie unter Rülpsschüben?“, „Sind Ihre Stühle oft fahl, massenhaft und fettig?“ oder „Sie leiden an ‚verhaltenen’ oder ‚verklemmten’ Winden. Das ist ohne Belang“ lassen einen dann herzlich lachen. Andererseits wiegen solche Momente der stillen oder auch weniger stillen Heiterkeit aber nicht das Unheil auf, das derartige Bücher in ungünstigen Fällen über den Leser bringen können und das auch mich einst viele Nerven und wertvolle Lebenszeit kostete.

Und das kam so: Eines Tages während meiner Studentenzeit, als ich gerade nichts Besseres zu tun hatte – eventuell hatte ich auch etwas Besseres zu tun, das aber dringend aufgeschoben werden musste – erfreute ich mich mal wieder im Selbstdiagnosebuch an den erwähnten Passagen und an fotografischen Abbildungen gar ekliger Krankheiten. Da blieb ich plötzlich unvermittelt an einer Skizze hängen, die mir merkwürdig bekannt vorkam. Ich sah ein Auge, das ein wenig an Karl Dall erinnerte, allerdings nicht in der diesem eigenen extremen Ausführung. Das hängende Oberlid, das dennoch einen nicht unbeträchtlichen Teil des Auges verdeckte, erinnerte mich nichtsdestoweniger mahnend daran, dass ich in letzter Zeit gelegentlich darauf angesprochen worden war, dass mein rechtes Auge kleiner wirke als das linke. Prüfende Blicke in den Spiegel hatten mir das leider auch immer wieder bestätigt. Ich hatte mir das aber damit erklärt, dass ich nur im rechten Auge eine harte Kontaktlinse trug, im linken aber nicht (nicht etwa, weil zwei Linsen mein finanzielles Budget gesprengt hätten, sondern weil ich nur auf dem rechten Auge schlecht sah, während das linke mit scharfem Blick den hängenden Zustand seines Kollegen auch aus größerer Entfernung problemlos erkennen konnte – schließlich verfügte es über mehr als 100 Prozent Sehkraft).

Dem Selbstdiagnosebuch entnahm ich nun, dass ein solches Phänomen mit dem Begriff „Ptosis (Herabhängen des Oberlids)“ bezeichnet wird. Eine Ptosis ist demnach in vielen Fällen erstes Anzeichen einer „Myasthenia gravis (schwere Muskelschwäche)“, einer ziemlich seltenen Muskelerkrankung, die circa zwei von 100.000 Menschen betrifft und es durch den Befall des Reederkönigs Aristoteles Onassis zu einer gewissen Berühmtheit  auch außerhalb medizinischer Fachkreise gebracht hat. Was ich weiter las, beunruhigte mich zutiefst: Bei dieser Krankheit ermüden bei zunehmender Belastung einzelne Muskeln zusehends, was häufig beim Lidhebermuskel seinen Anfang nimmt, auf immer mehr Muskeln übergreift und schließlich im ungünstigsten Fall zum Tod durch Ersticken wegen Ausfalls der Atemmuskulatur führen kann.

Mich befiel umgehend Panik. Ich bildete mir sofort ein, zusehends ein Erschlaffen sämtlicher Muskeln und auch schon akute Atemnot zu verspüren, was ich nun im Minutentakt kontrollierte. Doch dann rief ich mich zur Ordnung und befahl mir, schnellstmöglich einen Augenarzt aufzusuchen, um dessen fachlichen Rat zu meiner Selbstdiagnose einzuholen. Der Augenarzt bestätigte mir auch ohne Zögern meine Diagnose Ptosis – bei der Frage, ob die Ursache der Ptosis in einer Myasthenie zu suchen und daher mit meinem baldigen Ableben aufgrund von Ersticken zu rechnen sei, verwies er mich allerdings an einen Neurologen. (Meine vorsichtige Nachfrage, ob die Ptosis auch eine Folge des einseitigen Linsentragens sein könne, verneinte er.)

Ich besprach mich daraufhin mit meiner Oma, die wegen einer Diabetes-bedingten doppelten Beinamputation schon bei drei der bei uns ansässigen vier Neurologen in Behandlung gewesen war, die auch allesamt als Psychiater tätig waren. „Die haben alle einen an der Klatsche – probier den vierten aus, den kenne ich nicht, bei dem besteht also noch Hoffnung!“, empfahl sie mir. Also suchte ich sobald wie möglich Dr. Obeldobel auf – da ich als Studentin bei meinem Beamten-Vater mitversichert war, hatte ich keinerlei Probleme, mit einer beiläufigen Erwähnung des Sesam-öffne-dich-Worts „Privatpatientin“ schnell an einen Termin zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, dass genau mein Status als privilegierte Privatpatientin – und damit als Goldesel des Gesundheitssystems – mein eigentlich gar nicht vorhandenes Problem massiv verschärfen würde.

DIGITAL CAMERAIch saß also eines Tages in Dr. Obeldobels Wartezimmer. Schon dort befiel mich ein unbehagliches Gefühl, hatte ich doch aufgrund der eher ungewöhnlichen Verhaltensweisen meiner Mitwartenden, auf die ich hier aus Gründen der Pietät nicht näher eingehen möchte, den Eindruck, dass ich die einzige Patientin war, die Obeldobel in seiner Eigenschaft als Neurologe und nicht als Psychiater aufsuchte. Mein Unbehagen vergrößerte sich allerdings noch, als ich schließlich ins Behandlungszimmer gerufen wurde: Obeldobel saß hinter einem schweren Schreibtisch, sprang bei meinem Eintreten auf, schüttelte mir steif die Hand, und dann – geschah nichts. Wir standen uns eine Weile gegenüber, Obeldobel starrte mich an und machte keinerlei Anstalten, mich zum Sitzen aufzufordern oder sich sonst irgendwie zu verhalten – oder wenigstens meine Hand wieder loszulassen. Nach gefühlten 15 Minuten des Händeschüttelns und gegenseitigen Anstarrens (ich hatte schon als Kind gerne „Wer schafft es beim regungslosen Anstarren am längsten, nicht zu lachen?“ gespielt) entschied ich, dass eine Änderung der Situation dringend angebracht sei. Ich verwarf meinen instinktiven Wunsch, mich Obeldobels starrem Blick durch blitzschnelles Zu-Boden-Werfen zu entziehen, zur Tür zu robben und dann unauffällig zunächst aus dem Behandlungszimmer und dann aus der Praxis zu verschwinden und mich im Gewimmel der Fußgängerzone aufzulösen, um anschließend gen Amerika zu segeln. Stattdessen entzog ich der händeschüttelnden Salzsäule mit einem energischen Ruck meine Hand, nahm diskret auf einem Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz und dachte darüber nach, ob es nun etwa meine Aufgabe sei, den mich unvermindert weiter anstarrenden und ausgestreckten Armes in einer eingefrorenen Haltung verharrenden Neurologen zu bitten, doch Platz zu nehmen, und danach mit einer Befragung zu beginnen, um sein Problem zu ergründen.

Doch bevor ich eine Entscheidung fällen konnte, wachte Obeldobel urplötzlich doch noch aus seinem Trance-artigen Zustand auf und begann mit dem Patientengespräch. Wir wechselten schließlich zur Patientenliege hinüber, die ich zum Glück alleine erklimmen durfte (ich hatte schon befürchtet, der Arzt würde sich dazulegen, um gemeinsam mit mir an die Decke zu starren), woraufhin Obeldobel mit allerlei Untersuchungen begann, deren Sinn sich mir als medizinischem Laien nicht erschloss. Er klärte mich allerdings über interessante Dinge auf: So erfuhr ich, dass wir nun abklären mussten, ob ich im Körperinneren über eine Art Delikatesse verfügte, die dort eigentlich nichts zu suchen hatte und nur bei Kälbern gern gesehen war – bei Menschen meines Alters (ich war damals 22) allerdings nicht mehr. Denn ursächlich für eine Myasthenie kann unter Umständen die Thymus-Drüse sein – ein Organ bei Wirbeltieren, das sich beim Menschen oberhalb des Herzens befindet und sich eigentlich mit dem Eintritt der Geschlechtsreife zurückbildet beziehungsweise durch funktionsloses Fettgewebe ersetzt wird. Tut der Thymus dies aus unerfindlichen Gründen in seltenen Fällen nicht, dann kann es zu allerlei merkwürdigen Vorgängen kommen, die zu der Autoimmunerkrankung führen. Bei Kälbern hingegen gilt der Thymus unter dem Namen „Kalbsbries“ als Delikatesse.

Da ich keine Delikatesse in mir tragen wollte, die mich schließlich röchelnd verenden lassen würde, ließ ich mich von Obeldobel ans Krankenhaus überweisen. Dort sollte mittels Einschiebens in die beliebte Magnetresonanztomographie-Röhre überprüft werden, ob der Thymus bei mir tatsächlich noch vorhanden war und seine giftigen Pfeile entsandte. Zwar war einerseits selbst bei mir als Spätentwickler (ich konnte noch mit 14 Jahren problemlos zum halben Preis Bus fahren, was mir nicht so peinlich war, wie wenn ich beim Einkaufen beim Metzger mit einer Scheibe Wurst bedacht wurde) seit dem Eintritt der Geschlechtsreife einige Zeit vergangen, so dass sich die Drüse schon längst in funktionsloses Fettgewebe hätte verwandeln müssen. Andererseits verfügte mein Körper aber tatsächlich an keiner Stelle über nennenswerte Fettansammlungen –­ ob mit oder ohne Funktion –, so dass mir der Verdacht durchaus begründet schien, dass ich zu einem der seltenen Fälle gehörte, die noch als Erwachsene über diese Drüse verfügten. Und sprach mein Karl-Dall-Auge in diesem Fall nicht Bände?!?

So fand ich mich wenige Tage später in erwartungsvoller Anspannung im Krankenhaus wieder, um zum ersten Mal in meinem noch jungen Leben in die geheimnisvolle Röhre einzufahren ­– was mir in meiner an seltenen Krankheitsbildern reichen Karriere als Profi-Patientin noch häufiger passieren sollte (das ist nicht schön, wenn man – wie ich – in Röhren zu Platzangst neigt). Hier nun war aber noch alles neu für mich – offenbar aber auch für die anderen Beteiligten, denn leider verabsäumte es die Krankenschwester, mich darauf hinzuweisen, dass ich auch meine Hosentaschen von metallischen Gegenständen räumen musste. Als ich nach dem Spritzen des Kontrastmittels (auch das ist nicht schön, wenn man – wie ich – schon beim bloßen Anblick von Spritzen einer Ohnmacht nahe ist) liegend mit dem Kopf zuerst in die Röhre einfuhr und der untere Teil meines Körpers das magnetische Feld erreichte, wurde plötzlich mein Schlüsselbund aus der Hosentasche gezogen und sauste schnurgerade und mit erstaunlicher Geschwindigkeit klirrend an meinem Körper entlang zum Kopfende – seither weiß ich sehr genau, was mit dem Ausdruck „Das hätte ins Auge gehen können!“ gemeint ist… Nachdem wir uns alle von diesem Schock erholt hatten, begann die Klopf-Prozedur, während der ich ganz ruhig liegen und stundenlange lärmende Geräusche im Innern der Röhre ertragen musste. Angenehm war das nicht, aber ich biss die Zähne zusammen, um nach der mehr als einstündigen Klopf-Phase meinen Körper in kleine Scheibchen geschnitten auf handlichen Bildchen sehen zu können.

Doch leider erschien zunächst nach dem Warten in einem äußerst kalten Raum niemand mit entsprechenden Bildchen – stattdessen teilte mir ein reitender Bote mit, dass etwas schiefgegangen sei und ich daher noch einmal einfahren müsse. Bis auf den fliegenden Schlüsselbund wiederholte sich alles, das Verfahren wurde diesmal zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht und ich stand schließlich einige Tage später mit zahlreichen  Bildchen meines in Scheiben geschnittenen dünnen Oberkörpers wieder vor Obeldobel. Dieser erkannte mit einem Leuchten in den Augen auf den Bildern meine tatsächlich immer noch gut ausgebildete Thymusdrüse und empfahl mir, mich in einem darauf eingerichteten Krankenhaus dem sogenannten Tensilon-Test zu unterziehen. Denn fällt bei Verdacht auf Myasthenie ein solcher Test positiv aus, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich diese Erkrankung vor. Obeldobel legte mir noch nahe, in der nächsten Zeit darauf zu achten, ob ich bei körperlicher Anstrengung – etwa beim Treppensteigen – auffallend schnell ermüdete, wies mich darauf hin, dass das dann nach dem Karl-Dall-Auge bereits die zweite Stufe der möglicherweise todbringenden Krankheit sei, und verschwand wieder hinter seinem schweren Schreibtisch, um Löcher in die Luft zu starren.

Nun stand ich vor folgendem Problem: Es war bereits Anfang September – und Mitte September sollte ich zu einem einjährigen Studienaufenthalt nach Schottland aufbrechen. Ein sehr ungünstiges zeitliches Zusammentreffen, wie ich fand. Ich zog daher einen entfernten Verwandten zu Rate, der Orthopäde war, und den ich schon des öfteren mit meiner durchaus ernst gemeinten Geschichte erheitert hatte, dass ich beim Bewegen meines Halses manchmal ein merkwürdiges Rieseln im Nacken zu verspüren glaubte. Der Verwandte hörte sich meine Schilderung an, erinnerte sich herzlich lachend an meine lustige Riesel-Geschichte und versicherte mir, dass ich meine Abreise nicht verschieben müsse, sondern dass es ausreiche, wenn ich mich bei einem geplanten Heimatbesuch zu Weihnachten zum Tensilon-Test begeben würde. Ich machte also für Dezember einen Termin in einer Klinik aus und bereitete meine Abreise nach Edinburgh vor. Wenige Tage vor der Abreise rief der Verwandte an und erklärte mir besorgt, er habe sich doch noch einmal zu dieser Krankheit schlau gemacht und empfehle mir, schnellstmöglich abzuklären, ob ich darunter leide oder nicht – bis Weihnachten zu warten sei dann im Zweifelsfall doch zu gefährlich, schließlich gebe es da ja auch noch das Besorgnis erregende Rieseln im Nacken, das durchaus damit in Zusammenhang stehen könne.

DIGITAL CAMERADa stand ich nun, mit der Bürde dieser schweren Entscheidung auf meinen schmalen Schultern (die Schultern verursachten dann zehn Jahre später einen noch schlimmeren Ärztemarathon). Da ich aber  in eine altehrwürdige Universitätsstadt fuhr, die natürlich auch über eine Universitätsmedizin verfügte, entschied ich mich schließlich dafür, meine Abreise nicht zu verschieben, sondern notfalls in Edinburgh das Krankenhaus aufzusuchen. Eine Entscheidung, die ich revidierte, nachdem ich Bekanntschaft mit dem britischen Gesundheits-system gemacht hatte… Ich klammerte mich also an den Termin im Dezember und beschäftigte mich bis dahin damit, den Zustand meiner Muskulatur peinlich genau zu überprüfen. Was beispielsweise so aussah, dass ich regelmäßig die 14 Stockwerke des David-Hume-Tower auf dem Campus zu Fuß erklomm und mich oben angekommen schwer atmend fragte, ob dieser Erschöpfungszustand noch normal oder bereits Ausdruck einer fortschreitenden Krankheit sei. Gelegentliche Erstickungsanfälle beim Essen ordnete ich aber bedenkenlos der britischen Küche zu und wertete sie nicht als Zeichen des finalen Erschlaffens meiner Atemmuskulatur.

Kurz vor Weihnachten machte ich mich auf den Weg zurück nach Deutschland – im Gepäck meine großformatigen MRT-Bögen. Leider passten diese wegen ihres riesigen Formats nicht in meine eher kleine Reisetasche, so dass ich sie in der grünen Arzt-Tüte als Handgepäck mitführen musste. Das führte bei der Sicherheitskontrolle des Flughafens merkwürdigerweise zu Tumult und Aufruhr, so dass ich herausgewunken wurde und Auskunft geben sollte, was ich da Merkwürdiges transportierte. Dies fiel mir schwer, denn schon auf Deutsch hatte ich Probleme, schlüssig zu erklären, was da bei mir vorging – auf Englisch war es mir quasi unmöglich. Die Sicherheitsbeamten warfen sich bei meinen wirren Erklärungsversuchen zunehmend bedeutungsvolle Blicke zu, da wir aber erst das Jahr 1995 schrieben, kamen sie glücklicherweise nicht zum Ergebnis, dass es sich bei meinem nicht normgerechten Verhalten um einen besonders perfiden Versuch eines Terroranschlags handelte und ich vorhatte, mit Hilfe meiner MRT-Bilder das Flugzeug in die Luft zu sprengen, so dass sie mich dann doch noch mit meinen Bildern passieren ließen .

Wenige Tage später checkte ich mich also morgens in der Klinik ein. Meine Personalien wurden aufgenommen, dann wurde ich gebeten, Platz zu nehmen und zu warten. Ich wartete. Es verging eine Stunde. Ich wartete weiter. Es vergingen weitere Stunden. Als schließlich die Abenddämmerung hereinbrach, erkundigte ich mich, wann man denn mit meiner Behandlung zu beginnen gedenke. Ich bekam zu hören, dass es für diesen Tag zu spät sei und man mich morgen gründlich untersuchen würde, was sehr aufwendig sei. Dann forderte man mich auf, zu gehen und am nächsten Morgen wiederzukommen. So erfuhr ich dann auch, dass ich mich in eine Tagesklinik eingecheckt hatte, die keine Übernachtungsgelegenheit bot – daher war mir bisher auch kein Zimmer zugewiesen worden und ich hatte den ganzen Tag über frierend im Flur gewartet.

Das überraschte mich – bis dahin hatte ich als unerfahrener Krankenhausneuling gar nicht von der Existenz von Tageskliniken gewusst, leider hatte mich bei der Terminierung auch niemand darauf hingewiesen, dass es sich um ein derartiges Etablissement handelte. Glücklicherweise konnte ich aber bei Freunden übernachten und musste nicht die etwas weitere Entfernung zu meinen Eltern oder gar nach Edinburgh auf mich nehmen.

Als ich mich am nächsten Morgen in der Tagesklinik zurückmeldete, begann man dort umgehend, aus allen Rohren zu feuern, um das Versäumte vom Vortag aufzuholen. Ich wurde nacheinander an Dutzende Geräte angeschlossen: EEG, EKG, Doppler-Test, Licht-Test, Öl- und Reifenwechsel, TÜV, ASU – bis sämtliche Geräte der Klinik außer der MRT-Röhre einmal an der Privatpatientin in Betrieb genommen worden waren und ein Abrechnungsfeuerwerk folgen konnte. Das verwunderte mich, denn ich hätte es sinnvoller gefunden, zunächst den doch sehr beweiskräftigen Tensilon-Test zu machen – und erst, wenn dieser negativ ausfiel, nach weiteren Ursachen zu forschen. Aber als medizinischer Laie konnte ich da nicht mitreden. Schließlich schritt man auch noch zur Blutentnahme. Wie ich bereits erwähnte, löst bereits der Anblick einer Spritze bei mir ungute Zustände aus, und speziell Spritzen, mit denen etwas aus meiner Armbeuge herausgezapft oder in diese hineingeschossen wird, stehen auf meiner persönlichen schwarzen Liste der Folterinstrumente unangefochten auf Platz eins. Ich kann mir noch nicht einmal diese Stelle anschauen, ohne mich einer Ohnmacht zu nähern. Aber die Krankenschwester informierte mich darüber, dass es eine völlig neuartige Methode mit einem völlig neuartigen Gerät namens „Butterfly“ gebe, die alles wesentlich einfacher mache. Allerdings nur, wenn man schon Übung mit der neuen Methode hatte, was bei der an mir hantierenden Krankenschwester ganz offensichtlich nicht der Fall war, so dass es mir wirklich sehr schwer fiel, eine Ohnmacht zu verhindern, während sie erfolglos an meinen Armbeugen herumfuhrwerkte. Ich schaffte es nur deswegen, mühsam bei Bewusstsein zu bleiben, weil ich mich zwang, keinen Blick auf meine Armbeugen zu werfen, die beide nacheinander verwüstet wurden, bis es der Krankenschwester schließlich doch gelang, mit einer herkömmlich Nadel etwas Blut aus einem der beiden Schlachtfelder zu zapfen, die inzwischen einem Junkie alle Ehre gemacht hätten. Erschwerend kam hinzu, dass ich seit dem Frühstück bei meinen gastgebenden Freunden keine Nahrung mehr zu mir genommen hatte – ich fragte mich, ob bei einer Tagesklinik nicht nur kein Bett, sondern auch keine Verpflegung inbegriffen sei, was mir angesichts der sehr langwierigen und anstrengenden Untersuchungen komisch vorkam.

Schließlich wurde ich erschöpft, blutleer und unterernährt zu einem Oberarzt geführt. Dieser klärte mich darüber auf, dass er nun gegen Abend nach Abschluss aller sonstigen Untersuchungen zum Tensilon-Test zu schreiten gedenke. Mittels einer Kanüle im Handrücken (ich wurde panisch ­– sollten nun auch noch meine Handrücken einer ähnlichen Folter unterzogen werden wie meine Armbeugen?!?) würde meinem Körper der kurzwirksame Cholinesterasehemmer Tensilon zugeführt, was zur Folge hätte, dass Nervensignale deutlicher auf die Muskeln übertragen werden konnten. Würde dann schlagartig mein Oberlid emporschnellen, hätten wir sozusagen den Beweis, dass ich tatsächlich unter Myasthenie litt – sollte das Lid auf Halbmast (oder in meinem Fall eher Viertel- beziehungsweise Achtelmast) bleiben, könnte ich mich dagegen definitiv nicht mit Aristoteles Onassis in eine postmortale Krankengemeinschaft begeben und meine Ptosis hätte eine andere Ursache.

Der Oberarzt klärte mich zudem darüber auf, dass dieser Wirkstoff das vegetative Nervensystem anregen werde, was auch zur Folge habe, dass verschiedenste Körpersäfte aktiviert würden, da Verdauung und Stoffwechsel angeregt würden. Als ich seine Frage, ob mir der Begriff „vegetatives Nervensystem“ geläufig sei, bejahte, schreckte er aus seiner ärztlichen Routine hoch und fragte mich erstaunt (und, wie mir schien, auch leicht beunruhigt), ob ich etwa „vom Fach“ sei. Ich verneinte und wies ihn beleidigt darauf hin, dass ich schließlich die Schule besucht hätte, in der man durchaus mit diesen Begriffen in Kontakt komme. In diesem Moment schaltete sich mein inzwischen komplett leerer Magen in unsere angeregte Konversation ein und ließ ein sehr lautes und sehr lang anhaltendes Knurren vernehmen, das schließlich in den Weiten des Raumes verhallte. Das verwirrte den Arzt noch mehr, da mein vegetatives Nervensystem ja noch gar nicht angeregt war, so dass ich ihn darüber aufklärte, dass ich seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen hatte und ernsthaft befürchtete, mitten im Krankenhaus den Hungertod zu sterben.

DIGITAL CAMERAGlücklicherweise befahl der Oberarzt nun, mich zunächst einmal mit Essen zu versorgen (was man offenbar schlicht und einfach vergessen hatte), bevor wir mit den Untersuchungen fortführen, was ein Segen war, denn ich bin mir sicher, dass ich ansonsten die dem Blutabnahmegemetzel an Grausamkeit in nichts nachstehenden Versuche einer „Ärztin im Praktikum“, mir eine Kanüle zu legen, nicht überlebt hätte. Zunächst machte sie sich an meinem linken Handrücken zu schaffen, was ich nur mit geschlossenen Augen ertrug, die allerdings keinerlei Einfluss auf mein Schmerzempfinden hatten, das einer harten Prüfung unterzogen wurde. Nachdem die ÄiP meinen einen Handrücken komplett perforiert hatte, ohne die Kanüle irgendwo erfolgreich angebracht zu haben, wechselte sie zum anderen Handrücken, bei dem ihre Bemühungen aber leider ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt wurden, während mir Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung die Wangen hinunterrollten. Allerdings blieben sichtbare Spuren ihres Misserfolgs zurück, denn nach dem fruchtlosen Feldzug der Arztanwärterin sah ich ansatzweise aus wie der Gekreuzigte, bei dem zunächst 57 Mal erfolglos Nägel eingeschlagen worden waren. Völlig aufgelöst zog die Jungärztin den Oberarzt zu Hilfe, der mit einem geübten Griff die Kanüle setzte. Dann durfte ich mich aufsetzen und das Tensilon floss in meine Adern. Der Arzt und ich starrten uns an wie einst Dr. Obeldobel und ich, und tatsächlich lief mein vegetatives Nervensystem alsbald auf Hochtouren: Mir schossen urplötzlich Tränen in die Augen (obwohl ausnahmsweise niemand meine Armbeugen oder Handrücken malträtierte), sämtliche Gedärme knurrten und schnurrten – nur das Oberlid blieb, wo es war, und bewegte sich keinen Millimeter. Damit war klar: Ich war kein Myasthenie-Opfer.

Ich verkniff mir die Frage, wieso wir das nicht bereits morgens vor dem Anwerfen aller übrigen Apparaturen abgeklärt hätten, und fragte stattdessen, wie es nun weitergehe. Der Oberarzt sagte zunächst, dass ich nun nicht mehr wiederkommen müsse, da ja die Diagnose „Myasthenie“ auszuschließen sei, und um diese Abklärung sei es schließlich bei meinem Krankenhausbesuch gegangen. Doch dann fiel ihm etwas Wichtiges ein, das er doch tatsächlich zunächst vergessen hatte: „Halt, Sie müssen morgen doch noch mal kommen, schließlich hat Sie der Chefarzt noch gar nicht gesehen, und der hat ein Anrecht darauf – denn Sie sind ja Privatpatientin.“ Auch das verblüffte mich enorm, schließlich hatte ich bisher im Irrglauben gelebt, dass ich als Privatpatientin ein Anrecht auf Chefarztbehandlung hätte, und nicht etwa umgekehrt. Doch man lernt ja nie aus.

Es folgte Tag drei des Trauerspiels: Ich fand mich nach einer weiteren Übernachtung bei Freunden am nächsten Morgen zum dritten Mal in der Tagesklinik ein, diesmal schon mit dem Wissen, dass mein eigentlicher Besuchsgrund hinfällig geworden war und ich nicht wusste, was ich hier eigentlich noch sollte. Ich wartete geschlagene drei Stunden, bis meine Audienzzeit kam und ich beim Chefarzt vorstellig werden durfte. Der Chefarzt las sich die Unterlagen meiner Untersuchung durch, bestätigte mir noch einmal, dass ich offenbar nicht unter Myasthenie litt, fragte mich, ob ich ein Vergleichsfoto aus einer Zeit ohne hängendes Oberlid hätte, betrachtete ausführlich das Foto meines Studentenausweises und erklärte mir dann, dass er auch nicht wisse, was die Ursache meiner Ptosis sei. Allerdings sei ihm aufgefallen, dass meine MRT-Bilder doch von überragend schlechter Qualität seien, weswegen er bezweifle, dass meine Thymus-Drüse tatsächlich noch vorhanden sei – für ihn sei das definitiv nicht aus diesen Bildern ersichtlich, und deshalb sei es erforderlich, in einer Praxis seines Vertrauens nochmals solche Bilder in besserer Qualität zu machen. Andernfalls könne man nicht definitiv ausschließen, dass ich nicht zum Myasthenie-Gefahrenkreis gehörte.

Resignierend vereinbarte ich also für Anfang Januar kurz vor meiner Rückreise nach Edinburgh einen Termin bei der Radiologie-Praxis des Vertrauens des Chefarztes. Als ich schließlich dort in die mir bereits vertraute Röhre einfahren sollte, fragte mich der Arzt, ob ich unter Platzangst litt – in diesem Fall sei es möglich, mir ein passendes Beruhigungsmittel zu spritzen. Da die Röhre ja nicht am Kopf- und Fußende geschlossen wurde, hatte ich die letzten Male meine durchaus vorhandene Platzangst unter Kontrolle halten können, und die Vorstellung, ein Beruhigungsmittel gespritzt zu bekommen, kollidierte wiederum mit meiner Spritzenangst, die sich nach meinen Erfahrungen im Krankenhaus noch einmal verschärft hatte – durchaus berechtigt, wie ich fand! Ich lehnte also dankend ab, bekam noch einen Gummiball in die Hand gedrückt, auf den ich drücken sollte, falls ich es doch nicht mehr aushielt, erhielt einen merkwürdigen Käfig um den Kopf, den ich beim letzten Mal nicht erhalten hatte, und fuhr mit der Anweisung, die Augen geschlossen zu halten, in die Röhre ein.

Wie es der Zufall so wollte, ging allerdings während der Klopf- und Lärmphase plötzlich eines meiner beiden Augen ohne mein praktisches Zutun auf und sah sich interessiert um. Was es sah, überraschte mich und versetzte mich in eine leichte Panik: Direkt über meinem Gesicht befand sich die Röhrendecke – das war bei den letzten Untersuchungen nicht der Fall gewesen und ließ leichte Platzangst in mit aufsteigen, da ich so das offene Fußende der Röhre nicht sehen konnte. Ich unterwarf mich aber einem geradezu übermenschlichen Akt der Selbstbeherrschung und schaffte es, nicht auf den Gummiball zu drücken – schließlich hätte das ja nur Spritzen und ein weiteres Einfahren in die Röhre nach sich gezogen.

DIGITAL CAMERASo brachte ich die lärmende Untersuchung glücklich hinter mich und fuhr mit der Ansage, dass ich in wenigen Tagen den Befund erhalten sollte, wieder nach Edinburgh zurück. Wenige Tage später erhielten meine Eltern tatsächlich einen Anruf der Radiologie-Praxis: Leider seien jetzt erst die Unterlagen der Klinik eingetroffen, so dass leider auch jetzt erst klar sei, dass ja gar nicht mein Kopf habe untersucht werden sollen (was man irrtümlich geglaubt habe, da es ja um das Auge gegangen sei – das erklärte auch das Panik fördernde Anbringen des Kopfkäfigs), sondern mein Oberkörper. Ob ich vielleicht noch mal kurz vorbeischauen könne, um die richtige Untersuchung durchführen zu lassen? Dies mussten meine Eltern allerdings verneinen – schließlich befand ich mich bereits wieder in Edinburgh und konnte nicht mal kurz vorbeischauen. Stattdessen brach ich bei der unverzüglichen Benachrichtigung in lautes Wutgeheul ob der Absurdität der Situation aus und beschloss, ab sofort nicht mehr weiter über Ptosis, Myasthenie, Atemnot und mein baldiges Ableben nachzudenken. Ich stellte unverzüglich mein Jogging-Programm über die Treppen der 14 Geschosse des David-Hume-Tower ein.

Als ich zwei Jahre später, längst wieder zurück in der Heimat, einen neuen Augenarzt aufsuchte, um meine normale Kontrolluntersuchung einer Kurzsichtigen vornehmen zu lassen, öffnete der Arzt während der Untersuchung plötzlich den Mund und hub an zu sprechen – und zwar folgenden Satz: „Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass Ihre rechte Lidspalte vergrößert ist?“ Mich überfiel ein unkontrollierbares Zittern. „Allerdings!“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das muss Sie nicht beunruhigen“, fuhr der ahnungslose, aber offenbar sehr kompetente Arzt meines neuen Vertrauens fort. „Das hängt damit zusammen, dass Sie nur rechts eine Linse tragen – bei manchen Leuten führt Linsentragen zu einer solchen Vergrößerung der Lidspalte. Wenn Sie auf beiden Augen Linsen trügen, fiele das gar nicht auf!“ Ich schloss beide Augen – das mit und das ohne vergrößerte Lidspalte – und sank in einen tiefen und wohltuenden Schlaf des Vergessens. Und nur wegen dieses tiefen und wohltuenden Schlafs des Vergessens sind die Kostenexplosionen im Gesundheitswesen weiterhin ein Rätsel für mich.

– Ende –

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