Von Brocklosenborstel nach Dümmlinghausen

Am 22. Juli 1963 war es endlich soweit: Nach jahrzehntelangen Hänseleien waren die Bewohner des Westerwalddorfs Kotzenroth ihren anrüchigen Ortsnamen los – ab sofort lebten sie im wohlklingenderen Rosenheim, was mit einem festlichen Umzug gefeiert wurde. Acht Jahre später konnten auch die Einwohner des rheinhessischen Blödesheim aufatmen und als Hochborner in ein von Hohn und Spott befreites Leben starten. Das unterscheidet sie von den Menschen in Gammelshausen, Pinkler, Linsengericht oder Regenmantel, die wegen ihrer Heimat auch heute noch Gelächter oder anzügliches Grinsen erdulden müssen.

Von Aftersteg im Breisgau bis Zwetschenwippe in Nordrhein-Westfalen sorgen zahllose Ortsnamen in Deutschland für Heiterkeit bei jenen, die nicht darin wohnen. Für jeden Geschmack lässt sich eine ansprechende Reiseroute zusammenstellen: So kann man etwa – wahlweise in Niedersachsen oder Bayern – in Hölle starten, im Harz Elend und Sorge hinter sich lassen, sich in Hessen von Machtlos und Friedlos verabschieden und gleich an sieben verschiedenen Orten Einzug ins Paradies halten. Und wem das nicht reicht, der findet in der Nähe von Soest sogar Paradiese.

Geradezu unübersichtlich viele Wege führen ins Himmelreich: Die Himmelpforten kann man sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in Niedersachsen passieren, wem eine einzige Himmelpfort reicht, der wird in Brandenburg fündig, und an die Himmelsthür kann man in der Nähe von Hildesheim klopfen. Vorbei am Himmelgarten mit Kuckucksmühle, der in Thüringen gelegen ist, geht es über das schleswig-holsteinische Himmelmoor durch Himmelthal und Himmelwies – beides in Bayern gelegen – vorbei an Himmelsburg in Nordrhein-Westfalen und Himmelstadt in Unterfranken gleich an 14 verschiedenen Stellen ins Himmelreich. Und bei Göttingen findet man dann endlich die Himmelsruh.

„Nomen est Omen“ gilt mancherorts nicht

Wer es etwas deftiger mag und sich an schlüpfrigen Zweideutigkeiten erfreuen möchte, der kann sich ebenfalls eine exquisite Reiseroute der Obszönitäten zusammenstellen: Vom bayerischen Muschenried aus kann der Weg etwa über Tittenkofen bei Erding, Busendorf bei Bamberg und Tuntenhausen im Kreis Rosenheim nach Wixhausen bei Darmstadt führen. Wer dann das nordrhein-westfälische Geilenkirchen hinter sich lässt, der kann eventuell in Fickmühlen oder Vögelsen in Niedersachsen Erfüllung finden, wenn er nicht ohnehin einen der sechs Orte namens Lust als Endstation angesteuert hat. Und der Weg über die Landesgrenzen führt in Österreich sogar ins international verständliche Fucking.

Pauschalisierende Rückschlüsse wünschen sich die Einwohner von Deppenhausen bei Biberach oder Dümmlinghausen in Nordrhein-Westfalen sicherlich genauso wenig wie die Bewohner von Langweiler in Rheinland-Pfalz. Auch in Leichendorf, Betteldorf, Streitdorf oder in Faulebutter hört man den Spruch „Nomen est Omen“ vermutlich weniger gerne.

Albern mag es aber sicher zuweilen im gleichnamigen Ort im Chiemgau zugehen. In dieser Stimmung ist wohl auch, wer gezielt nach Pups im Landkreis Rosenheim, Aua im Kreis Hersfeld-Rotenburg oder Oha in Schleswig-Holstein fährt. Und er erfreut sich sicherlich auch an Ortsnamen wie Brocklosenborstel, Huiweiler, Dingerdonn, Pröllersäge oder Knutzenswarft.

Weiter geht die lustige Fahrt über Bierkeller bei Geislingen, Halbhusten in Nordrhein-Westfalen, Hundeluft in Sachsen-Anhalt, Notschrei im Breisgau über das hessische Eiterfeld zurück nach Windelsbleiche in Nordrhein-Westfalen. Ungern verweilen möchten die meisten dagegen wohl in Nazibühl bei Ingolstadt, dem niedersächsischen Adolfshausen oder Killer in Baden-Württemberg.

Afrika, Amerika und der Nordpol

Pflanze in den Usambara-BergenAuch für eine kleine Weltreise muss man die Grenzen Deutschlands nicht überschreiten: Da bekanntlich alle Wege nach Rom führen, findet man diesen Ort auch in Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. England kann man wie auch Rußland gleich fünfmal über Deutschland verstreut besuchen, Norwegen liegt im Kreis Rendsburg und Afrika im Kreis Lippe.

Und sogar für eine Expedition an den Nordpol reicht eine Reise nach Norddeutschland, wo man gleich an drei verschiedenen Punkten sein Basislager aufschlagen kann. Wer den langen Flug in die USA scheut, kann auch in Niedersachsen Amerika besuchen, wer es eine Nummer kleiner mag, findet dort wie auch in Hessen sogar Klein Amerika.

Die Einwohner von Kalifornien in Holstein oder Philadelphia in Brandenburg sind sicher weniger Kummer gewohnt als jemand, der sagen muss: „Gestatten, ich komme aus Erwitte-Anröchte.“ Trösten kann da eventuell die Tatsache, dass der Ursprung des Ortsnamens in der Regel gar nichts mit der heutigen anrüchigen oder lächerlichen Bedeutung zu tun hatte.

So entstand etwa Wixhausen aus Wikkenhusen, was eine Siedlung an einem Weiher meinte. Die Ortschaften, die auf -gesäß enden – alleine in Hessen finden sich Etzen-Gesäß, Hüttengesäß und Falken-Gesäß – heißen meist so, weil dort zu früheren Zeiten jemand seinen Sitz hatte. Und Kotzenroth und Blödesheim kamen zu ihren Namen, weil sie von Cozo sowie Blatmar oder Blitter gegründet wurden. Dennoch war der Leidensdruck dort so groß, dass niemand mehr die früheren Postkarten „Gruß aus Kotzenroth“ und „Frohe Festtage aus Blödesheim“ verschicken wollte.

(Copyright 2008 By The Associated Press)

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10 Gedanken zu „Von Brocklosenborstel nach Dümmlinghausen

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